Heilsame Töne

Musik entspannt Demenzkranke und weckt angenehme Erinnerungen

Diese demente Bewohnerin des Alten- und Pflegeheims Maria-Martha-Stifts in Lindau am Bodensee entspannt sich bei der Klangmassage. Foto: Hanna Spengler

 

Frankfurt a.M. (epd). Wenn Demenzkranke Musik machen, lockern sich verkrampfte Haltungen, der Blick wird wacher. Sie singen mit, lachen und klatschen. Lieder können ein Anker sein, Klänge entspannen und schaffen Geborgenheit.

 

Sanft schlägt Altenpflegerin Maria Bertsch mit einem hölzernen Klöppel auf die goldene Schale in ihrer Hand. Ein warmer, wohltuender Ton erklingt und füllt das Zimmer mit einer meditativen Atmosphäre. Schlaganfall-Patientin Erna Walter (Name geändert), 98 Jahre alt, hat den Mund etwas geöffnet und blickt die Altenpflegerin ruhig an. Ihre schmalen Hände, zu Beginn zu Knäulen geballt, entspannen sich mit jedem Ton mehr.

 

Für viele der bundesweit rund 1,2 Millionen Menschen mit Demenz wie Erna Walter eröffnet der Einsatz von Klängen und Musik neue Wege in der Pflege und Betreuung. Vor allem bei immobilen Menschen, Schlaganfall- oder Wachkomapatienten sind Methoden wie Klangmassagen beliebt, denn sie kommen ohne viel Worte aus und schenken Betroffenen maximale Aufmerksamkeit. «Hier geht es für wenige Minuten nur um den Patienten oder Bewohner», sagt Bertsch, Klangpraktikerin im Alten- und Pflegeheim Maria-Martha-Stift in Lindau am Bodensee.

 

Im dem Stift dauern die «Klangmassagen nach Peter Hess» zwischen zehn und 35 Minuten. Klangschalen werden auf den bekleideten Körper gestellt und behutsam angeschlagen. Die rhythmischen Klangschwingungen übertragen sich auf den Körper und erzeugen eine feine Vibration, die wie eine Massage empfunden wird. «Das hilft gegen Unruhe, Angst, Verkrampfungen und Stress», sagt Bertsch.

 

Während der Klangmassage sucht die 34-Jährige immer wieder den Blickkontakt zur Patientin. Inzwischen hat sie Walter die größte der vier Schalen auf den Fuß gestellt und lässt sie erklingen. «Eine dort platzierte Schale vermittelt Geborgenheit und erdet die Bewohner», sagt Bertsch. Die Massage sei «ein Kontakt, der auch im Schweigen Vertrauen schafft».

Auch das Alten- und Pflegeheim Kursana Domizil in Potsdam setzt auf Musik bei der Betreuung von Demenzpatienten. «Musik eröffnet die Möglichkeit, nonverbal Stimmungen auszudrücken», sagt Monika Schneider, Fachkrankenschwester für Innere Medizin und Musikpädagogin, die im Kursana Domizil eine Singgruppe leitet. Beim Musizieren lockere sich die verkrampfte Haltung vieler Demenzpatienten, der Blick werde wacher, es werde mitgesungen, gelacht und geklatscht.

 

Hierbei wird auch ein anderer Aspekt wichtig: Musik dient als Anker in die Vergangenheit. Nach dem Musizieren mit Trommeln und Rasseln erzählen die Bewohner gerne Episoden aus ihrem Leben. «Das Lied Capri-Fischer kenne ich», habe sich eine Teilnehmerin erinnert. «Früher haben wir uns alle untergehakt und dabei gesungen.»

 

Schneider ist überzeugt: Durch Musik und Klänge kann der Alltag in der Pflege erheblich verbessert werden. Auch der Umgang der Bewohner miteinander verändert sich, wie sie nach einer musikalischen Projektwoche merkte: «Sie ließen sich aufeinander ein, halfen sich gegenseitig und sahen mit Anerkennung, wie schön der andere den Rhythmus mit seinem Instrument spielt.» Wenn der Pfleger ein bekanntes Lied summte oder sang, sagt Schneider, hätten sich die Demenzkranken danach auch besser pflegen lassen.

 

Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik (Musikpädagogik im Alter), Hans Hermann Wickel, gibt zu bedenken, dass stets die musikalische Biografie des Betroffenen im Auge behalten werden müsse.

 

Wichtig seien «biografische Schlüssellieder», musikalische Vorlieben oder Abneigungen des Patienten sowie regionale Besonderheiten, sagt der Professor für Musik in der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Münster: «Es reicht nicht aus, nur einfach das Radio anzumachen», urteilt Wickel: «Ein norddeutscher Demenzpatient bekommt womöglich bei einer für die Rhein-Main-Region typischen Karnevalsmusik die Krise.»

 

Wie Hans-Jürgen Freter von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft in Berlin kritisiert, werden die Möglichkeiten, mit Musik und Klang das Wohlbefinden Demenzkranker zu fördern, zu wenig genutzt. Dabei sei die positive Wirkung von Musik offenkundig. «Singen macht Spaß, stiftet Gemeinschaft und aktiviert das Gedächtnis.»

 

Aus epd-Sozial Nr. 30 vom 27. Juli 2012

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