Inszenierte Vergangenheit

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

 

Schon im Zeitalter des Barocks pflegten mitteleuropäische Klöster ihre "Corporate Identity" -

von Hanna Spengler (epd)

 

Ohne Internetseite oder Video-Clips haben schon Klöster und Orden des Barocks ihre Vergangenheit effektvoll in Szene gesetzt. "Die eigene Rückschau wurde unter Einsatz aller damals bekannten Medien regelrecht inszeniert", sagte Markwart Herzog, Direktor der Schwabenakademie Irsee, dem epd. "In Wort und Bild haben sie erarbeitet, was wir heute als 'corporate identity' bezeichnen würden."

 

Gemeinsam mit der Wiener Kunsthistorikerin Huberta Weigl hat der Akademiedirektor einen 400-seitigen interdisziplinären Sammelband herausgegeben. 15 Aufsätze beleuchten darin, wie mitteleuropäische Klöster der alten Männerorden im 17. und 18. Jahrhundert ihre eigene Vergangenheit durch Geschichtsschreibung und bildende Kunst vergegenwärtigten. Der Band vereint kunsthistorische und historische Beiträge aus Deutschland, Tschechien, Polen, Österreich und der Schweiz.

Das tiefe Traditions- und Geschichtsbewusstsein der Orden erwachte nach der Zäsur der Reformation und dem Dreißigjährigen Krieg neu. Fast alle Klöster sichteten ihre Archiv- und Bibliotheksbestände. "In bislang nicht dagewesenem Ausmaß wandten sie sich den Quellen zu, ordneten, analysierten und reflektierten", schreibt Weigl.

 

Ergänzend zum Studium der Quellen, Literatur und Denkmäler nutzten die Verfasser Briefe und Rundschreiben sowie gedruckte Aufrufe. Um genug Material zu erhalten, begab sich auch mancher Autor auf Reisen. So entstanden Chroniken, Annalen, Heiligen-Viten, Biografien und Lexika. Die Auflagenhöhe schwankte zwischen wenigen hundert bis weit über 1.000 Stück. Eine besonders ausführliche Form der Dokumentation wählte der Propst des Augustiner-Chorherrenstiftes Baumburg, Patritius I. von Mändl (1658-1688), der ein 127 Blatt starkes "Grabdenkmälerbuch" anlegen ließ.

 

"Bis heute erzählen Malerei und Druckgrafik vom Leben der Ordens-und Kirchenpatrone sowie von der Stiftung und Gründung der Klöster", erklärt Weigl. Bedeutende Persönlichkeiten der Geschichte wurden als Skulptur im Raum oder thematisch im Kunstgewerbe dargestellt. So steht der Stifter des Klosters Fürstenfeld, Herzog Ludwig der Strenge (1253-1294), bis heute an der Nordseite des Chorbogens der Klosterkirche. Die Schleiermonstranz des Augustiner-Chorherrenstiftes Klosterneuburg zeigt dessen Gründer Leopold III.

Die Recherche nach den eigenen Wurzeln wurde durch mangelhafte Archive erschwert, denn oft lagerte das Schriftstück "in Truhen, Schränken, Schachteln, Säcken oder Taschen und war nicht verzeichnet", wie Weigl schreibt. Im 17. Jahrhundert richteten die Klöster deshalb erstmals eigene Räume ein, die ausschließlich der Verwahrung von Schriftstücken und Plänen dienten.

 

Ein Beispiel berühmter Vergangenheitsinszenierung ist die zweibändige Klosterchronik von Benediktbeuern. Auf dem Titelblatt des 1753 erschienenen "Chronicon Benedictoburanum", liegt Chronos, der Gott der Zeit, besiegt am Boden. Pallas Athene, die Göttin der Weisheit und Schirmherrin der Wissenschaft, hat ihn zu Fall gebracht. Mit ihrer rechten Hand verweist sie auf die Klostergründer Waldram, Landfrid und Eliland, über denen der Ordenspatron, der heilige Benedikt, kniet.

 

Die Chronik diente nicht nur dem Schutz der Überlieferung, sondern sollte beispielsweise auch bei Rechtsstreitigkeiten helfen, das Ansehen der Klostergründer mehren und Identität im Orden stiften, erläutert Weigl. Wie bei modernen Unternehmen bildeten vor allem Jubiläen willkommene Anlässe, sich mit Ursprung, Herkunft und Stiftung der eigenen Einrichtungen zu beschäftigten.

Ähnlich wie heutige Verbands- und Firmengeschichten reihten die Chroniken der Barockzeit wichtige Ereignisse aneinander. "Ein besonders weit in die Geschichte zurückreichender historischer Ursprung erhöhte Bedeutung und Ruhm, Nobilität und Prestige eines Ordens oder Klosters", sagt Herzog. "Was man heute in der PR-Kommunikation wiederentdeckt hat, wurde damals von den Mönchen praktiziert." Die damaligen Methoden der Geschichtsschreibung könnten durchaus mit Strategien von heutigen Firmen, Vereinen und Verbänden verglichen werden.

 

Buchhinweis: Markwart Herzog/Huberta Weigl (Hrsg.), Mitteleuropäische Klöster der Barockzeit - Vergegenwärtigung monastischer Vergangenheit in Wort und Bild, Irseer Schriften, UVK Verlagsgesellschaft Konstanz 2011, 400 Seiten, 49 Euro. (0633/b110940-110941)

 

(Artikel vom 23.03.2011)

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