„Das Emotionale bleibt“

Die Sehnsucht von Demenzkranken nach Nähe und Sexualität verlangt von Pflegeeinrichtungen Fingerspitzengefühl


Von Hanna Spengler

 

Ravensburg (epd). Selbstbefriedigung oder hektisches Nesteln an der Hose wegen Harndrangs? – Pfleger und Angehörige von Demenzkranken stellt die Interpretation sexueller Verhaltensweisen oft vor schwierige Situationen. „Unsere Bewohner bleiben trotz ihrer Krankheit Männer und Frauen“, sagt Heidi Maier, Leiterin der
Spezialeinrichtung „Domizil für Menschen mit Demenz“ in Neutann bei Ravensburg. „Sie wünschen sich Liebe, Trost und natürlich auch körperliche Nähe. Das Emotionale bleibt bis zum Schluss“.


Mit der Sexualität demenzkranker Menschen sei dabei keineswegs nur Geschlechtsverkehr gemeint. „Unsere Bewohner schäkern gern, machen einander Komplimente, laufen schon mal händchenhaltend oder gehen in der Hollywoodschaukel im Aufenthaltsraum auf Tuchfühlung.“ Für Pflegekräfte ist es oft ein Problem, die Balance zwischen Nähe und Distanz
zu finden. Leitlinien zum Umgang mit den sexuellen Bedürfnissen Demenzkranker gibt es in den bundesweit mehr als 10.000 Pflegeheimen so gut wie nicht.


Spontane Busengrabscher, obszöne Bemerkungen, Selbstbefriedigung in der Öffentlichkeit, ein Klaps auf den Po des Pflegers: An die Stelle von kognitiven
Verarbeitungsmustern treten bei Demenzkranken verstärkt sinnliche und emotionale Ausdrucks- und Erlebnisfähigkeiten, lautet die wissenschaftliche Erklärung. „Die anerzogenen Knigge-Regeln fallen in der Demenz weg“, sagt Maier.

 

Nach Ansicht der Heimleiterin sind neben Fall- und Teambesprechungen Gelassenheit und ein spielerischer Umgang die „beste Medizin“, um als Pflegekraft mit brisanten Situationen umzugehen. Sätze wie „Na Kindchen, du hast aber nicht viel Oberweite abgekriegt“ oder „Da wird man doch mehr sehen dürfen“, entgegne man am besten mit Geduld oder mit einem humorvollen: „Aber doch nicht bei der Arbeit!“

 

Gerade für Angehörige sei es oft schwierig, das Thema Sexualität in der Pflege
anzusprechen, sagt Maier. „Da werden Bedürfnisse oder Verhaltensauffälligkeiten negiert, verschwiegen oder verniedlicht.“ Besonders schwer tun sich die Kinder von Erkrankten. Als ein Bewohner regelmäßig im Speisesaal onanierte, wurde dies auf eine Lebensmittelallergie zurückgeführt. Äußerungen wie „Das ist nicht die Art meiner Mutter“ zeugten von der Hilflosigkeit Angehöriger im Umgang mit den enthemmten sexuellen Verhaltensweisen ihrer Eltern.

 

Die Bereitstellung eines Einzel- oder Doppelzimmers als Rückzugsmöglichkeit
für die Bewohner oder das Aufhängen eines Türschilds mit der Aufschrift „Bitte
nicht stören“ sind laut Maier Möglichkeiten, auf die Bedürfnisse der Bewohner
einzugehen - in Absprache mit den gesetzlichen Betreuern.


Nach Ansicht von Krankenpflegehelferin Petra Döll ist die Biografiearbeit eine
ideale Unterstützung, die Sexualität der Demenzkranken zu interpretieren: „Es hilft, zu wissen, wie das bisherige Leben ausgesehen hat, um das Verhalten zu verstehen“, sagt Döll, die seit 24 Jahren in einem Altenpflegeheim im hessischen Vogelsbergkreis arbeitet. Situationen, in denen Bewohner sich nackt auszögen und Schwestern zum Geschlechtsverkehr aufforderten, verlangten jedoch nach einem klaren „Nein“.

 

„Krankheit, Alter und damit verbunden Sex, das sind nach wie vor Tabuthemen“, kritisiert Stephan Vogt, Vorsitzender des Vereins Familiengesundheit 21 und Leiter der Ehrenamtlichen Demenz-Hilfe Memmingen Unterallgäu. Altenheime werden von Angehörigen und Pflegenden meist als asexuelle Zone wahrgenommen.


„Zärtlichkeit, Berührung und Geborgenheit spielen jedoch für das Erleben der
eigenen Vitalität eine zentrale Rolle.“

 

„Es kommt vor, dass nach jahrelanger Abstinenz bei Demenzkranken das Sexualverhalten neu aufflammt“, sagt Vogt. Doch nicht immer geht es um ein Zuviel. Genauso gut könne es sein, dass der Verlust des sexuellen Interesses oder die mangelnde Körperhygiene des Erkrankten zu Problemen in der Beziehung mit dem gesunden Partner führe.

 

Nach Überzeugung von Helga Schneider-Schelte von der Deutschen Alzheimer
Gesellschaft gehört der Umgang mit dem Bereich Sexualität und Demenz unbedingt in den Ausbildungskatalog der Gesundheits- und Pflegeberufe.

 

„Denn in der Pflege berühren die sexuellen Bedürfnisse der Demenzkranken oft eigene Wertmaßstäbe“, sagt sie. Durch Fallbesprechungen im Team könnten zudem vorschnelle Urteile bewusstgemacht werden. „Eine Hand in der Hose bedeutet nicht zwangsläufig sexuelles Verlangen“, gibt sie zu bedenken.

 

Müssten sexuelle Übergriffe abgewehrt werden, sollte stets die Verhältnismäßigkeit der Mittel beachtet werden. Abwertende Kommentare wie „Schämen Sie sich nicht?“, seien fehl am Platz. „Es geht darum, die Würde aller Beteiligten zu wahren, der zu Pflegenden und der Pflegenden“, sagt Schneider-Schelte.

 

Vorsorgevollmacht - epd-Gespräch
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