Mehrgenerationenhäuser sind Lebensräume für Jung und Alt

Die Zukunft vieler Mehrgenerationenhäuser steht 2011 auf dem Prüfstand

Von Hanna Spengler


Ravensburg (epd). Sie sind Ersatzfamilie, sozialer Treffpunkt und kleine Volkshochschule in einem. Ob offener Mittagstisch, Sprachkurse für Migranten, Einkaufsservice oder Handykurse für Senioren: Insgesamt 500 Mehrgenerationenhäuser mit vielfältigen Angeboten gibt es derzeit bundesweit. Im Jahr 2006 starteten die ersten Häuser, die durch eine Bundesförderung von 40.000 Euro im Jahr unterstützt werden. Doch das "Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser" ist auf fünf Jahre angelegt und läuft für viele Häuser im Laufe dieses Jahres aus.

 

Eines der 58 Pilotprojekte findet man in der Ravensburger Oberstadt. Im Vorhof spielen zwei Senioren Freilandschach, während im Haus gerade der Englischkurs für Mütter und Kinder beginnt. Soziologin und Pädagogin Susanne Weiss koordiniert im Mehrgenerationenhaus Gänsbühl, dem auch eine generationenübergreifende Wohnanlage angegliedert ist, die Arbeit von 100 Ehrenamtlichen. So gibt es etwa den offenen Bürgertreff "Café Miteinander", einen Kleiderflohmarkt, den Chor "Mundwerk" und den Stammtisch der "Wahl-Omas" - insgesamt rund 60 Angebote.

"Hier können freundschaftliche Kontakte geknüpft werden und vertrauensvolle Beziehungen wachsen", sagt Weiss. So entstünden neue Nachbarschaften und Netzwerke, die den Menschen in Krisensituationen trügen. "Die Bürger entwickeln eigene, teils kostenlose Projekte, bringen Zeit, Erfahrung und Alltagskompetenzen in unser Konzept ein", sagt Weiss. Wie viele Mehrgenerationenhäuser sei auch das in Ravensburg gleichzeitig "Dienstleistungsdrehscheibe" und "Freiwilligenagentur".

 

Doch viele kleine selbstständige Träger-Initiativen bangen um ihre Zukunft, wenn das Förderprogramm für Mehrgenerationenhäuser in diesem Jahr ausläuft. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend will zwar ab 2012 ein Anschlussprogramm auflegen. Wie die Übergangsfinanzierung aussehen soll und welche Häuser ins neue Programm aufgenommen werden, ist jedoch noch offen. Feststeht: Für die Folgeförderung sollen die Häusern inhaltliche Schwerpunkte wie "Alter und Pflege", "Integration und Bildung", "Haushaltsnahe Dienstleistungen" oder "Freiwilliges Engagement" setzen.

 

"Im neuen Programm ist eine Beteiligung von Land und Kommune in Höhe von 10.000 Euro pro Jahr vorgesehen", sagt Katja Laubinger vom Familienministerium. Die restlichen 30.000 Euro sollen aus Bundesmitteln beziehungsweise Geldern des Europäischen Sozialfonds beigesteuert werden. Die Bewerbungsphase starte diesen Sommer.

 

Um den Belangen finanzschwacher Gemeinden Rechnung zu tragen, könne der Anteil der Kommune auch in Form von Personal oder Sachleistungen wie etwa Räumlichkeiten erbracht werden, ergänzt Laubinger. Einige Angebote ließen sich bereits durch Teilnahmebeiträge finanzieren, andere Häuser erhielten schon Hilfen von Trägern oder Kommunen.

"Die Finanzierung wird auf die Kommunen abgewälzt", kritisiert hingegen Nicolas Albrecht-Bindseil von den Diakonischen Hausgemeinschaften, dem Träger des Mehrgenerationenhauses Heidelberg. Für Heidelberg wäre es ein "schwerer Schlag", falls die Förderung ausfalle. "Wir müssten uns wieder verkleinern und wären in unseren Kernaufgaben ganz auf Spendenfinanzierung angewiesen."

 

Auch in Mannheim ist die Stimmung gedämpft. "Von der Kommune bekommen wir gesagt, es sei wahrscheinlich keine weitere Förderung möglich", sagt Sabine Reich, Leiterin des Mehrgenerationenhauses Mannheim. "Fünf Jahre lang gedeiht alles und dann?"

Stadtteilmanagerin Gabriele Zobel vom "Treffpunkt Zech" in Lindau ist optimistischer: "Die Bundesförderung ist wichtig, aber unser Ziel ist es natürlich langfristig, die Arbeit im Stadtteil alleine zu tragen, die Bürger noch stärker in die Verantwortung zu nehmen." Diese Unabhängigkeit könne durch Zusammenarbeit mit Unternehmen, Stiftungen aber auch durch Spenden erreicht werden.

 

In einem zumindest herrscht Einigkeit: Mehrgenerationenhäuser erfüllen eine wichtige Aufgabe und sind unverzichtbar geworden. "Jung und Alt brauchen einen Raum, wo sie sich treffen können", sagt Gerhard Schiele, Geschäftsführer der Altenhilfe der Stiftung Liebenau, Träger des Mehrgenerationenhauses Gänsbühl. Bürgerschaftliches Engagement werde im Zuge der demografischen Entwicklung immer wichtiger. "Probleme wie Einsamkeit und dadurch bedingte Krankheit werden wir mit reinen Dienstleistungen nicht mehr lösen können".

 

(epd)(0393/07.03.2011)

Jahr der Genossenschaften: "Geld bekommt ein Gesicht"

UN-Jahr - Dorfladen, Raiffeisenbanken, Bioenergiedorf: Genossenschaften wirtschaften bodenständig für ihre Mitglieder. Das könnte gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein Zukunftsmodell sein. Die UN haben 2012 zum Jahr der Genossenschaften erklärt.


Von Hanna Spengler

Als Christian Skrodzki aus Leutkirch 2010 mit einer Bürgerinitiative beschloss, den maroden historischen Bahnhof seiner schwäbischen Heimatstadt mit einer Bürgergenossenschaft zu retten, wurde sein Vorschlag zunächst kritisch beäugt. Heute blickt der ehrenamtliche Vorstand der Genossenschaft "Leutkircher Bürgerbahnhof" auf eine Erfolgsgeschichte zurück. Rund 550 Leutkircher Bürger und Unternehmen halten Anteile des Bürgerbahnhofs. Im April 2012 soll er mit Wirtshausbrauerei, Infozentrum und Geschäftsräumen neu eröffnet werden.

Ob für die gemeinschaftliche Nutzung von Weiden und Alpen, als Raiffeisen-Bank, Bioenergiedorf, Dorfladen oder Tageszeitung: Genossenschaften als Geschäftsmodell sind beliebter denn je. In Deutschland gibt es derzeit laut Deutscher Zentral-Genossenschaftsbank rund 7.600 Genossenschaften.

Die Organisationsform ist vor allem für die sogenannten "S-Prinzipien" bekannt: Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung. Um auf die Bedeutung der genossenschaftlichen Wirtschaftsform aufmerksam zu machen, hat die UN-Vollversammlung das Jahr 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften erklärt.

 

"Wir schreien nicht nach der Stadt, wir müssen das selbst hinbekommen"

 

"Von Anfang an war klar, wir schreien nicht nach der Stadt, sondern müssen das selbst hinbekommen", sagt der Leutkircher Skrodzki. Die Leute schätzten die direkte Bürger-Beteiligung in der Genossenschaft. Schnell sei ihnen klargeworden: "Hier geht es nicht um die große Rendite, nicht um Gier, sondern ums Hier", formuliert Skrodzki, Leiter einer Medienagentur. "Die Botschaft lautet: Das ist kein geschlossener Zirkel. Ich erreiche hier etwas. Auch mit nur einem Anteil bin ich Unternehmer."

"Genossenschaften bedeuten kollektive Selbsthilfe", sagt auch Theresia Theurl, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen der Universität Münster. "Das heißt, Menschen oder Unternehmen suchen selbst Lösungen für konkrete Herausforderungen." Die Aufgabe der Genossenschaft sei es dabei, ausschließlich für ihre Mitglieder Werte zu schaffen und nicht für anonyme Investoren. Dies geschehe unabhängig von der Anzahl der Anteile. "Jedes Mitglied hat für die strategischen Entscheidungen der Genossenschaft genau eine Stimme."

Das Modell liegt laut Theurl im Trend. "Seit einigen Jahren werden wieder deutlich mehr Genossenschaften gegründet, vor allem in jenen Branchen, die zukunftsorientiert sind und expandieren", sagt die Professorin für Volkswirtschaftslehre. Gerade im Bereich der erneuerbaren Energien habe Deutschland in den vergangenen Jahren einen Gründungsboom von lokalen Genossenschaften erlebt, ergänzt die Generalsekretärin der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Beate Wagner.

 

"Zukunftsmodell mit langer Tradition"

Der Vorsitzende des Vorstands des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands, Eckhard Ott, sieht in der Genossenschaft ein "Zukunftsmodell mit langer Tradition". Bereits vor mehr als 150 Jahren hätten die beiden deutschen Genossenschaftsgründer Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) und Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883) gezeigt, dass Landwirte und Handwerker beim Einkauf, der Kreditbeschaffung und auch beim Absatz von Waren gemeinsam mehr erreichen könnten, sagt Ott.

In den vergangenen drei Jahren seien bundesweit mehr als 600 Genossenschaften neu gegründet worden. Vor zehn Jahren seien es jährlich nur etwa 30 Gründungen gewesen. "Ein Vorteil der Genossenschaft ist die Nähe zu den Kunden und Mitgliedern", sagt Ott. Eine Volksbank oder Raiffeisenbank könne oft heimische Unternehmen bei einer Kreditanfrage gut einschätzen. Energiegenossenschaften seien erfolgreich, weil sie als regionale Unternehmen Bürger, Landwirte, Unternehmen und kommunale Einrichtungen einbänden und damit die Akzeptanz für erneuerbare Energien steigerten.

Wichtig ist Ott auch die Unabhängigkeit von Genossenschaften. Bei wichtigen Entscheidungen könnten sie nicht von Einzelinteressen dominiert werden. Auch könne die Genossenschaft nicht von externen Investoren aufgekauft werden: "Eine feindliche Übernahme ist bei Genossenschaften ausgeschlossen."

 

Auch die "taz" ging 1992 in eine Genossenschaft über

 

Auch die Berliner "tageszeitung" (taz) ging 1992 in eine Genossenschaft über, die etwa 11.500 Mitglieder zählt und dadurch die publizistische und wirtschaftliche Unabhängigkeit stärkt. "Den Lesenden gehört ihre Zeitung", bringt es Konny Gellenbeck, Leiterin der taz-Genossenschaft, auf den Punkt.

In Leutkirch feiert man zurzeit. "Wir sind ausverkauft, die Eine-Million-Euro-Grenze ist erreicht", sagt Bürgergenossenschafts-Vorstand Skrodzki zufrieden. Durch die Genossenschaft sei Bürgerbeteiligung auf simpelste Weise hergestellt, zudem bleibe ein Stück Heimat erhalten: "Bei der Genossenschaft bekommt Geld ein Gesicht."

 

(2514/29.12.2011) Quelle: epd /evangelisch.de

Sich einfach mal Zeit nehmen

"Cittaslow"-Bewegung wirbt für die "Stadt als Ruhepol"

Es ist früher Nachmittag in Überlingen am Bodensee. Passanten flanieren an der Uferpromenade, Touristen pausieren in Eiscafés mit Palmenarrangements, drei jugendliche Straßenmusiker setzen zum Gitarrenspiel an. Hektik und Stress scheinen an diesem Werktag am nördlichen Bodenseeufer weit entfernt. "In Überlingen ticken die Uhren bedächtiger und menschlicher", heißt es denn auch selbstbewusst im Gästemagazin der Kleinstadt. Seit 2004 gehört Überlingen mit seinen rund 21.000 Einwohnern zur internationalen "Vereinigung der lebenswerten Städte", "cittaslow".

 

Die Bewegung "cittaslow" wurde 1999 in der umbrischen Stadt Orvieto in Italien gegründet. Sie lehnt sich an die Slow-Food-Bewegung an, die als Gegenpol des "Fast Food" für mehr Lebensqualität durch bessere Nahrungsmittel steht. "Cittaslow" nun wirbt für "urbane Langsamkeit": Entschleunigung, Förderung regionaler Besonderheiten und eine nachhaltige Umweltpolitik in Kleinstädten, die weniger als 50.000 Einwohner zählen. "Eine Stadt, in der Menschen leben, die neugierig auf die wiedergefundene Zeit sind", heißt es bei "cittaslow".

 

Mittlerweile tragen neun deutsche Städte das Schnecken-Logo der Bewegung, darunter das bayerische Hersbruck, das schwäbische Waldkirch, das westfälische Lüdinghausen und Marihn in Mecklenburg-Vorpommern, nach eigenen Angaben "kleinste cittaslow der Welt". Insgesamt gibt es mehr als 160 Mitgliedsgemeinden auf der ganzen Welt.

"Als 'cittaslow' hat sich Überlingen zu einer nachhaltigen und behutsamen Stadtentwicklung verpflichtet", sagt Thomas Götz von der "Kur und Touristik Überlingen". Dazu zählten unter anderem Gastfreundschaft, die Wahrung von Kultur und Traditionen sowie die Unterstützung regionaltypischer Produkte mit Wochen- und Bauernmärkten.

 

Mit Provinzialität wollen die Gemeinden das nicht verwechselt wissen. Auch wenn der Name città (italienisch: Stadt) und "slow" (englisch: langsam) manchmal den gegenteiligen Schluss zulasse: "Wir sind alles andere als verschlafen", findet Götz.

 

Die Kriterien einer "Slow City", die eine Kommission prüft, erfüllt Überlingen in vielen Punkten mustergültig: Nur wenige Gehminuten vom Zentrum entfernt bietet der Überlinger Stadtgarten mit Springbrunnen, Kakteengruppen, Fuchsienweg unterhalb der Stadtmauer, Magnolien und Bananenstauden Naherholung satt. Ein Waldpark mit Rehgehege, ein 120 Jahre alter Pavillon und ein mit bürgerschaftlichem Engagement restauriertes "Hexenhäusle" vereinen Naturerleben mit dem Erhalt von Kulturlandschaft und Tradition.

 

Mit der Mitgliedschaft bei "cittaslow" werde die Identifikation mit der Stadt gefördert, hat Achim Deinet beobachtet, Bürgermeister der "cittaslow" Bad Schussenried. Damit grenze man sich bewusst von kurzfristigem Denken und im negativen Sinne "billigen" Lebensstilen ab.

 

Nicht schnelllebige Trends sollen die Leitlinien der lokalen und regionalen Politik sein, sondern der nachhaltige Ausbau der Lebensqualität, sagt der Oberbürgermeister von Waldkirch und Vorsitzende von "cittaslow Deutschland", Richard Leibinger. Die langsame Stadt verstehe sich als Ruhepol. Lebensqualität durch Nähe sei das Ziel, "sich einfach mal Zeit nehmen für die guten Dinge des Lebens".

Mit "cittaslow", formuliert Leibinger, solle ein Gegenmodell zur globalen Konsumgesellschaft gesetzt und der Charakter und die Besonderheiten einer Stadt hervorgehoben werden. Das ist in Waldkirch etwa die heute noch lebendige Tradition der Dreh- und Jahrmarktorgeln.

 

"Langsam, das heißt für uns behutsam und qualitätsbezogen und sich auf die eigenen Stärken zu besinnen", sagt Hubert Bleyer, Sprecher der Stadt Waldkirch. So habe Waldkirch 1999 als eine der ersten Städte überhaupt das Stromnetz vom Badenwerk zurückgekauft und eigene Stadtwerke gegründet.

 

Ein Schwachpunkt des "cittaslow"-Konzepts ist offensichtlich die Kommunikationsstrategie. Bernhard Steinhart, Reformhausinhaber in Waldkirch, bemerkt: "Zwar gibt es ein weltweites Interesse, aber vor Ort ist man noch nicht ausreichend in der Lage, die Ziele zu kommunizieren." Diesen Eindruck bestätigt auch eine Nachfrage bei der alteingesessenen Besitzerin eines italienischen Eiscafés direkt im Zentrum Überlingens: "Cittaslow? Nichts von gehört."

 

Eine Überlinger Passantin sieht die Auszeichnung als "Slow City" sogar kritisch: "Bei so einer Hervorhebung sind hohe Immobilienpreise nicht weit. Wer soll sich die ohnehin schon teure Stadt denn noch leisten können?"

Im Stadtpark profitiert zumindest die Tierwelt vom Konzept der Öko-Stadt. "Hier im Stadtgraben zieht ein Uhupärchen seine Jungen groß", verkündet dort ein Schild. "Daher ist dieser Grabenabschnitt vorübergehend nicht begehbar."

Internet: www.citta-slow.de; www.cittaslow.info (1508)

 

(Artikel vom 06.07.2011)

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